1954 in Wien geboren, seit seit 1990 Lehrtätigkeit an der Hochschule/Universität für angewandte Kunst
 

Das malerische Schaffen des in Wien lebenden Rainer Wölzl befindet sich in einem anhaltenden Übergang von der Gegenständlichkeit hinüber zur Sublimierung von Gegenständlichkeit. Es ist ein Prozess der sanften Formverwandlung, der Reduktion der Figur bis hin zu ihrer Auflösung in Farbe. Aber dadurch verlieren die Bilder nicht. Im Gegenteil. Je sichtbarer der Mensch vergeht, um so präsenter wird die Feinstofflichkeit der Farbe. Bis sie sich ganz im Eigenleben ihrer Natur exponiert. Wölzl arbeitet an einem Schwellenort zwischen diversen Wirklichkeiten.

 

Der Künstler selbst charakterisierte seine Kunst mit klaren Worten als eine »Malerei des Verschwindens«, deren Ereignisse immer vor Augen liegen, aber ihre Form wandeln. Weshalb Erkenntnis zunehmend in abgelegenen Gegenden des Augenhintergrunds stattfindet. Bei aller Plastizität des Malmaterials liegen die Erkenntnisorte eher im Betrachter.

 

Wahrnehmender und Wahrgenommenes begegnen sich in nebligen Farbverhältnissen am »Rand des Verstummens«, so Wölzl. Der eigene Blick irrt und erscheint einem haltlos, unfixiert auch der Standpunkt desF Betrachters. Zwischen Wölzls Triptychon »Die Haut« (1986) und den farbig intensiven Akkorden »Rot-Blau« (1989) und »Grau-Violett« (1989) beginnt der Verwandlungsprozess, der dann offensiv fortgeführt wird in den fünf Bildversionen »Der Verweiser, nach Samuel Beckett« (1995).

 

Wölzls Farben haben etwas Suggestives. Man fühlt in den Übergängen zwischen Festem und dem Sich-in-Farbe-Verflüssigen eine Geborgenheit, ohne genau zu wissen, welchen Standpunkt man eigentlich in diesem transitorischen Moment einnimmt und welches Verhältnis zum Bild das Gesehene begreifbar machen könnte. Das Austarieren des Bildes zwischen Diesseits und Jenseits, Konkretion und Abstraktion erzeugt eine Vagheit und stellt uns gemäß der uns umgebenden intransparenten Seinsbedingungen einen Bestimmungsort in Aussicht, der auf Unsicherheit gründet. »Der Untergeher« (1992), »Haltlos« (1992) und »Halbe Nacht« (1997/98) machen dieses Zwischenweltliche erfahrbar. Das wirkt anziehend und verwirrend zugleich. Sein Erkenntnisinteresse, dem Wesen der menschlichen Existenz auf den Grund zu gehen und in eigene bildliche Darstellungen zu fassen, hat Wölzl auch in eine anhaltende Auseinandersetzung mit dem Werk Goyas getrieben, dessen Werk bis heute eine Provokation für die Normalvernünftigen darstellt.

 

Parallel zu Wölzls malerischem OEuvre entstehen Plastiken, in denen das Gefühl menschlichen Verlorenseins beginnt, sich in einen Zustand des Trotzalledem zu verwandeln - keuchend, harsch und gratig, die alltäglichen Beschädigungen vergegenwärtigend, aber wagemutig. 

 

Christoph Tannert, Berlin 2013