Unter Beobachtung

 

zum malerischen Werk von Mario Dalpra 

Spiegelkabinett

Es ist ein Gemeinplatz, dass Künstler im Allgemeinen darauf vertrauen, was sie sehen, um sodann in der Gestaltung dafür eine ihnen gemäße Form zu finden. Das Auge des Malers beobachtet die Welt im Sinne einer künstlerischen Instanz, die visionär vorausschaut und korrigierend eingreift, auch dies ein Gemeinplatz, allerdings einer, den Kunsthistoriker bevorzugen. Keine Frage, auch Mario Dalpra bleibt von diesem Anspruch nicht verschont, er wirft ihn jedoch auf den Betrachter zurück. Was erwarten wir heute tatsächlich von Malerei? Beeinflusst Kunst unser Leben und wenn, in welcher Form? Und: was interessiert unsere Erwartungshaltung eigentlich die Künstler??

In den malerischen Arbeiten Mario Dalpras ist der Mensch immer präsent – nicht immer in einer Form, in der man die menschliche Figur auf den ersten Blick vermuten würde, aber unausweichlich ist er da und wenn es nur seine Augen sind, die aus dem Bild herausschauen, selbstbewusst den Betrachter mustern. Da gibt es beispielsweise eine große Gruppe von Arbeiten, die horizontale und vertikale Farblaufspuren wie in einem Teppich miteinander verweben und wie hinter einer Jalousie schauen einen zwei Augen, eine Nase (vielmehr: zwei Nasenlöcher) und ein Mund aus zielscheibenartigen Kreisen an. Mehrere Weltkulturen prallen hier unvermittelt aufeinander; das amerikanische Action-Painting trifft Elemente der Pop-Art und verbündet sich mit dem Symbolismus der Aborigines-Malerei, umrahmt von einem Farbfeld in Rokoko-pink, das einen Fragonard in Entzückensschreie hätte ausbrechen lassen. Dalpra betreibt Art Sampling durch die Zeiten und Kulturen, unbeeindruckt von erhobenen Zeigefingern von Kuratoren. In einer globalisierten Welt hat alles seinen Platz, Elemente verschiedenster Kulturkreise dürfen zueinander finden und erzeugen eine neue, globale Kultur, die nur noch Regionalismen kennt. Dalpra kehrt die Erwartungshaltungen der Betrachter gegenüber der Kunst um: Wie in einer Vision tauchen immer wieder Gesichter aus seiner Malerei auf, verfolgen den Betrachter und vermitteln ihm das ungute Gefühl, unter Beobachtung zu stehen: Mario Dalpra is watching you!

 

 

Box in a Box

 

Ein System der Verschachtelung kennzeichnet den malerischen Aufbau der Bilder. Die gitterartige Verschränkung der Spuren laufender Farbe, die im übrigen oft gemalt und nicht damit nicht wirklich Laufspuren sind, erzeugt nicht nur einen malerischen Tiefenraum sondern behauptet sich auch als möglicherweise eigenes Bild im Bild, da die Laufrichtungen unterschiedlich sind und der Eindruck entsteht, man könne das Bild auch in eine beliebige Richtung drehen, um einen gänzlich neuen Eindruck davon zu erhalten. Mit List und Perfidie werden die Erwartungen des Betrachters gezielt torpediert, durcheinandergeschüttelt, destilliert und ad absurdum geführt. Dies ist eine Malerei, die sich gegen sämtliche Erwartungen sperrt und darauf beharrt, etwas Eigenes zu sein, ein lebendiger Organismus, der mit uns in einen gleichberechtigten Dialog treten möchte. Nicht wir allein betrachten das uns Dargebotene, auch wir werden einer kritischen Betrachtung unterzogen.

In der Überlagerung verschiedener malerischer Ebenen fächert sich ein Bild in seinen Einzelteilen auf, das wie in einem Facettenschliff die Imagination des Malers reflektiert. Lineares und Flächiges findet sich da, holzschnittartiges Schwarz-Weiß, zart Aquarellhaftes und plötzlich kräftige Farbigkeit, die konterkarierend in die Malfläche eingreift. Diese verschiedenen Gestaltungsebenen greifen übereinanderliegend ineinander, verzahnen sich wie wenn man Teile alter Tapeten Schicht um Schicht herunterreißt und die Wand solchermaßen die Geschichte der Bewohner enthüllt. Manches Mal sind die unteren Schichten nurmehr zu erahnen, ein anderes Mal ist die unterste Schicht dominant und eine darüber liegende führt eine weitere malerische Ebene ein. Die künstlerische Strategie Dalpras zielt darauf ab, den Betrachter mit einer vielschichtigen Malerei auf der formalen und inhaltlichen Ebene gleichermaßen zu konfrontieren, die in ihrer Komplexität auf unser Leben in einer globalisierten Wirklichkeit Bezug nimmt. Die Wahl seiner Themen ist so vielfältig wie die Malerei selbst; märchenhaft-visionäre Inszenierungen, die leicht Alpträumen ähneln und den Betrachter verstören wechseln mit Farbfeld-Eruptionen, die sich wiederum zu Gesichtern und Figuren in protoplasmatischem Zustand zusammenzusetzen scheinen, strenge Linearität steht im Gegensatz zu Farbklecksen und laufender Farbe. Merkwürdigerweise sind diese Gegensätze weniger irritierend als vielmehr konsequent für eine Malerei, die sich in kein bekanntes Schema pressen lässt. Der Künstler selbst ist in mehr als einer Kultur zuhause und daher ist auch seine Kunst einer globalen Kultur verpflichtet, die für vielerlei Einflüsse offen ist.

Alles andere als statische Malerei, besitzen die Arbeiten Mario Dalpras offenbar eine ihnen innewohnende Molekularbewegung, die voller Lebendigkeit und Dynamik ist. Vielfigurige Kompositionen, die einen ganzen Kosmos voller Geschichten erzählen und stärker abstrahierende Gestaltungen, die das malerische Element stärker in den Vordergrund rücken sind jeweils nur zwei Seiten einer Medaille, gehören zusammen und vermitteln das facettenreiche Bild einer Welt, die, analog zur Malerei, sich auch nicht auf nur einen Weg festlegen lässt. Diese Vielfalt lässt ein malerisches Werk entstehen, das niemals langweilig wird, stets im Fluss bleibt und sich tendenziell immer weiter fortentwickelt.

 

I can help you

 

Nun begibt es sich aber, dass sich kleine Sätze und Worte in die Malerei einschleichen wie „his painting is fucking beautiful“, „coool down it´s me“, „we need a change“ oder „let it be“, beispielsweise. Nicht genug mit einer vielzonig-enigmatischen Struktur von Bildaufbau und sujets, fügen diese wie Zitate wirkenden Kurzsätze den Gemälden eine weitere Dimension hinzu. Schauspieler wie Arnold Schwarzenegger sind berühmt für die Knappheit der Aussagen („hasta la vista, baby!“) ihrer an Dialogen eh´ nicht gerade reichen Actionfilme. Die beinahe wie Werbebotschaften aufleuchtenden Sätze, die ebenso zufällig auf einer Party oder eben vom neben der Arbeit laufenden Fernseher aufgeschnappt sein könnten, fügen dem zwangsläufig Fragmentarischen eines jeden Bildes, das ja immer nur einen Splitter einer möglichen Welt beschreibt, erst einmal eine formale Ebene hinzu, die in der Schrift selbst besteht und die sich naturgemäß von der Malerei abgrenzt. Immer auf Sinnsuche, wird der Betrachter einerseits nachhaltig irritiert, sucht andererseits jedoch sofort nach einer inhaltlichen Komponente, die sich jedoch im Bild selbst kaum festmachen lässt. Als grafisches Element verselbständigt sich die Schrift im Bild, nimmt Bezug auf die Malerei, ohne unbedingt mehr sein zu wollen als eben ein gleichberechtigtes Element im Bild.

Dalpras malerisches Werk ist vielschichtig, bezieht seine Inspiration aus vielerlei Quellen und bewegt sich wie ein Hecht im Karpfenteich des Kunstmarktes – kaum greifbar und immer bissig. Seine Qualitäten liegen zweifelsohne gleichermaßen auf ästhetischen Werten wie in der malerischen Strategie eines eigenen, unverwechselbaren Ausdrucks, der sich gegen jegliche Kategorisierung sperrt und dem Betrachter mehr Fragen stellt als Antworten präsentiert. Aber genau dies war schon immer eine der Hauptstärken der Kunst – neue Wege sind eben nicht von Anfang an gepflastert.

 

Martin Stather