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Die Menschen in Adel Dauoods Gemälden haben nicht nur Probleme, sie sind Probleme. Künstlerische Probleme, die der Maler sucht, findet und liebt. „Kunst = Problem“, legt er mir die einfache Gleichung seiner Kunstauffassung dar, und erklärt, dass es ihm nicht um die Lösung, sondern eben um das Problem ginge. Die Lösung komme dann beim Malen als Nebenerscheinung ganz von selbst, aber die interessiere ihn auch gar nicht so. Künstler, die einmal eine Lösung gefunden haben und an dieser dann für den Rest ihres Lebens bzw. Schaffens festhalten, kann er nicht verstehen. Er braucht das Problem, die Herausforderung, um künstlerisch immer weiter zu wachsen. Erst, wenn er kein Problem mehr finden würde, hätte Dauood ein richtiges Problem. Aber „Gott sei Dank“ sind unsere Welt, die Menschen und die Malerei ja so konstituiert, dass das sicher nie passieren wird.

Die Menschen, die Dauoods Bilder bevölkern, lernt er selbst erst kennen, während er sie malt. Er öffnet sich für sie, lässt sich von ihnen überraschen, schlägt sich mit ihnen die Nächte um die Ohren und geht auf sie ein. Sie schaffen ihm an, dass sie mehr Rot oder Blau wollen – und er gibt es ihnen. Obwohl Dauoods Figuren also keine porträthaften Bildnisse bestimmter, realer/konkreter Personen sind, sind sie doch keine Unbekannten. Sie speisen sich aus unzähligen Erinnerungsfetzen, Gedächtnisinhalten, aus kurzen Begegnungen, aus dem Unbewussten, aus dem eigenen Innenleben. Aus den zahllosen, großteils flüchtigen Begegnungen mit Menschen, die jeder in seinem Leben hat, kreiert die Inspiration diese Figuren, die für das Menschliche an sich stehen. Sie sind also zugleich unbekannt und doch vertraut, da sie etwas in sich tragen, das uns allen gemein ist – das Menschliche. So betrachtet, stellen Dauoods Figuren vielleicht nicht einmal Menschen dar, sondern stehen sie eher für innere Zustände, menschliche Gefühlsstrukturen. So, wie Adel Dauoods Figuren zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion changieren, so changieren auch die Gefühle, die man aus ihnen lesen kann. Es sind nicht plakative, schlagwortartige Darstellungen bestimmter, isolierter Gefühlszustände wie „Angst“, „Liebe“, „Lust“ oder „Aggression“ sondern Konvolute mehrerer, einander durchaus widersprechender Emotionen. Dauoods Menschen sind zugleich bunt und trostlos, trostlos und doch lustvoll, lustvoll und doch ängstlich, ängstlich und doch aggressiv, aggressiv und doch zärtlich... Diese Ambivalenz der Gefühle ist es, die Dauoods Figuren so zutiefst menschlich, ehrlich, echt machen. Sie sind keine plakativen Illustrationen einzelner Gefühle, die in der Wirklichkeit nie so isoliert und losgelöst von allem anderen Emotionen existieren. Dauoods Figuren stellen keine unter „Laborbedingungen“ extrahierten, „reinen“ Einzelgefühle dar, sondern spiegeln feine, vielschichtige Gefühlsstrukturen wider, die einander überlagern und widersprechen und doch für jeden „wiedererkennbar“ sind, weil wir in ihnen zutiefst Menschliches – und somit und selbst – wiederfinden. Denn der Mensch ist nicht schwarz oder weiß, er ist schwarz UND weiß, aber vor allem ist er bunt. Diese Vielfalt, die Dualität bzw. Multiziplität, die allem innewohnt, die Widersprüchlichkeiten des Lebens, die inneren Konflikte, mit denen jeder zu kämpfen hat – all das steckt in Adel Dauoods Figuren. Man könnte sie auch als Psychogramme des Menschlichen umschreiben.  

            Großformatig und bunt, wild und ruhig, gegenständlich und abstrakt schreibt er sie in oft knallbunte Farbräume ein. Gesichter verschwimmen, Gliedmaßen verwachsen, tauchen wieder auf, farbenüberlagert, linienverwirbelt. Manchmal lässt nur eine Hand, ein Fuß erahnen, dass die unbändige, bunte Struktur im Bild ein Mensch sein könnte. Hin und wieder ein Versatzstück aus der Realität – ein Wasserhahn da, ein Schlapfen dort – ganz banal und dabei doch so kompliziert, wie das Leben nun einmal ist. „Ich weiß nicht, warum ich bestimmte Dinge male. Vielleicht werde ich es später einmal wissen“, sagt er.

Und dann sind da noch Dauoods Arbeiten auf Papier. In ihnen sind die Tiere zu Hause. „Sie sind Erinnerungen an meine Kindheit auf dem Dorf, wo wir viele Tiere hatten, die ich sehr geliebt habe.“ Tatsächlich haftet ihnen etwas kindliches, märchenhaftes an, diesen tierischen Fabelwesen. Manche haben sechs verschlungene Beine, andere zwei Köpfe, drei Euter oder vier Augen, fast immer haben sie jedenfalls viele spitze Zähne. Obwohl sie so gefährlich aussehen, fühle ich mich von ihnen nicht bedroht. Vielleicht sind sie Beschützer, die ihre scharfen Zähne nur brauchen, um mich zu beschützen? Als ich ihn frage, warum die Tiere so grimmig aussehen, erzählt er mir, dass er sie oft zeichnet, wenn er es mit der Angst zu tun bekommt. Und dass sie vielleicht sein Weg sind, seine Angst zu beherrschen und auf dem Papier zu bändigen. Wieder bringt das Problem die Lösung mit sich...

Clara Kaufmann


Künstlerstatement

Die Malerei ist für mich eine Art rebellische Reaktion auf Schmerz und Grausamkeit, verursacht durch unsere vielen, nicht enden wollenden Kriege. Meine Malerei ist auch ein innerer Monolog über meine Einsamkeit, die durch meine Bilder nach außen getragen wird, um mit dem Betrachter in einen Dialog zu treten, über meine Erinnerungen, voller Farbe, Gewalt und verbrannter Erde und über meine Gegenwart, bestimmt von Verzweiflung, Unruhe und der Angst vor dem Ungewissen.